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    <title>Fotomenschen - Soziale Fotografie</title>
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    <description>Posts tagged &#x27;Soziale Fotografie&#x27; on Fotomenschen.</description>
    <language>de-DE</language>
    <lastBuildDate>Sun, 23 Jan 2022 16:49:57 GMT</lastBuildDate>
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            <title>Der Junge mit der Handgranate</title>
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            <description>Diane Arbus war eine Ausnahme-Fotografin. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Diane Arbus war eine Ausnahme-<a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a>. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit. So wie ihr berühmtestes Foto &#8222;The boy with the toy grenade&#8220;</p>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Diane_Arbus" target="_blank">Diane Arbus</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Child_with_Toy_Hand_Grenade_in_Central_Park" target="_blank">Child with Toy Hand Grenade in Central Park</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.metmuseum.org/art/collection/search/284712" target="_blank">Child with a toy hand grenade in Central Park, N.Y.C.</a> (The Met)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20210707081211/https://dergreif-online.de/artist-blog/where-are-those-precious-mistakes/" target="_blank">Where Are Those Precious Mistakes?</a> (Der Greif)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fatherly.com/love-money/child-toy-hand-grenade-colin-wood-diane-arbus" target="_blank">Colin Wood, Diane Arbus’s ‘Child With A Toy Hand Grenade,’ Looks Back</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20240909060715/https://news.artnet.com/market/diane-arbus-birthday-890000" target="_blank">Revisiting Diane Arbus’s Most Famous Photo on Her 94th Birthday</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.thecut.com/2016/07/diane-arbus-c-v-r.html" target="_blank">Was Diane Arbus the Most Radical Photographer of the 20th Century?</a> (The Cut)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.newyorker.com/magazine/2016/06/06/diane-arbus-portrait-of-a-photographer" target="_blank">In the Picture &#8211; A new biography of Diane Arbus</a> (The New Yorker)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.theartstory.org/artist/arbus-diane/" target="_blank">Diane Arbus</a> &#8211; The Artstory</li><li>Howard Schatz &#8211; Kink</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Matt_Groening" target="_blank">Matt Groening</a> (Wikipedia)</li></ul>

<p>Themenpatin: </p>

<ul><li>Petrina Engelke &#8211; @PetrinaEngelke, @moments_ny, Podcast &#8222;Notizen aus Amerika&#8220; &#8211; <a href="https://notizenausamerika.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Webseite</a>, <a href="https://fyyd.de/podcast/notizen-aus-amerika/0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FYYD</a></li></ul>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="660" height="811" src="https://fotomenschen.net/assets/image-2.png" alt="Zwei Porträts einer blonden Frau und ein Screenshot eines Profilbereichs, der die Meldung „There are no items to show in this view.“ anzeigt."/></figure></div>

<p><a href="https://www.amazon.de/dp/2732446009" target="_blank" rel="noopener">Diane Arbus</a></p>

<div><figure class="aligncenter"><img decoding="async" src="https://2.img-dpreview.com/files/p/TS560x560~forums/60923724/4493d58a1411413c80758cbe05750068" alt=""/></figure></div>

<div class="yt-facade" data-yt="sbsrJTjV8BI" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.net/assets/yt_sbsrJTjV8BI.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<div class="yt-facade" data-yt="Q_0sQI90kYI" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.net/assets/yt_Q_0sQI90kYI.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

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<div class="yt-facade" data-yt="i7Tw9jgMjEk" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.net/assets/yt_i7Tw9jgMjEk.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="480" height="360"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Ich finde es immer wieder faszinierend: Kaum jemand kennt <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, aber alle werden von ihren Arbeiten beeinflusst. Mein Beispiel heute ist eine <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografin</a> aus den 60ern, die im Wesentlichen Fotonerds kennen. Aber so unterschiedliche Werke wie Stanley Kubricks &#8222;Shining&#8220; oder &#8222;Die Simpsons&#8220; würden ohne ihre Arbeit anders aussehen, ganz egal, ob wir sie nun kennen oder nicht.</p>

<p>Die Fotografin Diane Arbus hat ihre Kindheit während der Weltwirtschaftskrise verbracht und wuchs dann während dem Vietnamkrieg und der sexuellen Revolution in New York auf. Und ihr Start ins Leben war ein privilegierter. Ihre Eltern gehörten der New Yorker Upper Class an und hatten einen Department Store in der privilegierten 5th Avenue in New York. In Privatschulen ausgebildet und aufgezogen von Kindermädchen blieb sie weitgehend von den schweren Folgen der Weltwirtschaftskrise verschont.</p>

<p>Mit 13 lernt sie Allan kennen, einen Mann, fünf Jahre älter als sie, der die Schule hingeschmissen hat und in der Werbeabteilung des Pelzladens ihres Vaters arbeitete. Die Beiden heiraten mit 18 und es dauert nicht lange und sie eröffnen ein gemeinsames Fotostudio, eine Leidenschaft, die Allan in die Beziehung mitbrachte. Er brachte ihr bei, wie man mit einer Kamera umging, wie man Film entwickelt und es dauerte nicht lange und das Paar etablierte sich als Fashionfotografen in New York. Zehn Jahre lang betrieben sie ein Studio zusammen.</p>

<p>Obwohl das Studio erfolgreich war und die beiden auch gut zusammenarbeiteten, war schnell klar, dass Diane etwas anderes wollte, als für immer Studiofotografin zu sein. Wenn sie also nicht gerade damit beschäftigt war, Kleidung an Models zu pinnen, Konzepte für Werbekampagnen auszuarbeiten oder Familien im Studio zu portraitieren, lief sie mit ihrer Nikon Kamera durch die Stadt und fotografierte, was ihr so vor die Linse kam.</p>

<p>Eines Tages kam sie mit einer frisch belichteten Rolle Film nach Hause und bat ihren Mann, den bevorzugt zu entwickeln. Die Negative, die da herauskamen, nummerierte sie mit einem Marker mit der Nummer 1. Hier startet eine Nummerierung, die sie bis zum Ende ihres Lebens durchhalten wird. Sie ist Mitte 30, als sie diesen ersten Film nummeriert. Es ist der Moment, in dem sie beschließt, eine andere Fotografin zu werden, in dem sie beschließt, Künstlerin sein zu wollen und nicht Auftragsfotografin. Es ist der Start von etwas Neuem.</p>

<p>Am Anfang läuft Diane durch die Stadt und fotografiert, was man so in der Stadt sieht. Sie macht die klassischen Streetfotos, die viele von uns machen. Friseure durch die Glasscheibe hindurch, Familienszenen im Park, sie streift mit ihrer Kamera durch die Straßen und alles, was ihr Auge festhält, wird fotografiert. Sie entwickelt sich in eine andere Richtung als ihr Ehemann. Sie wird künstlerischer. Sie wünscht sich mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit.</p>

<p>Es sind die 60er und die Arbus&#8217;s leben sowieso ein sehr offenes Modell der Beziehung und ihr Ehemann Allan unterstützt sie in ihrem Wunsch, unabhängiger zu sein. Er hilft ihr, ein anderes Studio in New York zu finden und hilft ihr beim Umzug. Um die Kinder kümmern sie sich gemeinsam. War die Kindheit von Diane im Wesentlichen von der Distanz zu ihren Eltern geprägt, war es Diane und Allan wichtig, ihren Kindern nah zu sein. Er kam oft vorbei, sie verbrachte viel Zeit mit ihnen und so gingen rund elf Jahre ins Land, bevor das Paar sich auch ganz offiziell, getrieben von einer neuen Partnerin Allans, die nicht ganz so polyamourös gestimmt waren wie die beiden, wirklich scheiden ließen.</p>

<p>Es ist rund um die Zeit, als man eine Veränderung in ihrer Arbeit feststellen kann. Irgendwann entdeckt Diane, dass sie Fremde ansprechen kann, dass sie mit ihnen arbeiten kann, dass er sie posieren kann. Und aus der Schnappschussfotografie, die ihre frühen Arbeiten als unabhängige Fotografin prägt, werden plötzlich Fotos, die, ja, manchmal diesen Schnappschusscharakter haben, in denen aber die Motive ganz eindeutig wissen, dass sie fotografiert werden. Sie sind präsent. Sie schauen oft in die Kamera.</p>

<p>Und Dianes Stil ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja wahrscheinlich sogar schockierend. Sie pfeift auf etablierte gestalterische Regeln. Ihre Fotos sind selten kompositorische Meisterwerke. Rule of Thirds, Layers, Linien, ach was, Hauptsache, das Motiv ist stark genug. Dafür sucht sie gezielt Menschen, die so selten fotografiert werden. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen. Nudisten. Groß- und Kleinwüchsige. Oder Mitglieder der New Yorker Unterwelt. Oder Subkulturen wie zum Beispiel die nach und nach aufkeimende Travestiebewegung. Diane hat keine Scheu vor diesen Menschen und sie fotografiert sie und setzt sie in Szene und ist dabei auch nicht zimperlich. Sie versucht, Fotos zu machen, denen man ansieht, dass sie den Menschen, die sie portraitiert, näher gekommen ist, dass sie etwas über die Menschen weiß, das sie dem Betrachtenden zeigen kann.</p>

<p>Diane ist der Meinung, dass unser Äußeres nicht uns gehört, unser Äußeres spricht eine Sprache, die unsere Umwelt entziffern darf. Und so ist sie auch nicht zimperlich, wenn sie die Leute fotografiert.</p>

<p>Und wenn es nötig ist, um ein Foto zu bekommen, lügt sie auch. &#8222;Nein, nein, das sind nur Kopfportraits, die ich hier mache&#8220;, sagt sie und fotografiert in Wirklichkeit die berühmte Feministin und Philosophin Ti-Grace Atkinson oben ohne. Genauso wenig konnte man sich darauf verlassen, wenn Diane sagte: &#8222;Nein, nein, die Bilder werden nie veröffentlicht werden.&#8220;.</p>

<p>Aus heutiger Sicht ist Diane Arbus ethisch tatsächlich auf sehr glattem Eis unterwegs. Gleichzeitig schafft sie aber auch, mit ihren Fotos, gerade besonders auch den Fotos von benachteiligten Menschen, eine Bildsprache zu etablieren, die es vorher so nicht gab. Sie definiert Schönheit in der Fotografie völlig neu. Ihre Models haben eine Würde und eine Schönheit, die von innen strahlt. Sie selbst sagt: &#8222;Viele von uns verbringen ihre Lebenszeit damit, sich vor Traumas zu schützen. Wir verstecken uns vor Schmerz. Wir laufen weg von dem Unglück.&#8220; Die Menschen, die Diane fotografiert, wurden oft mit ihren Traumas schon geboren. &#8222;Eigentlich&#8220;, sagt sie, &#8222;sind das die wahren Aristokraten; die Menschen, die das schon gemeistert haben, was viele von uns auf Teufel komm raus vermeiden wollen.&#8220;</p>

<p>Diane Arbus hat das Glück, relativ früh in der Kunstszene New Yorks aufzufallen. 1959, im Rahmen einer Ausstellung, lernt sie den Art Director Marvin Israel kennen. Er ist ein Jahr jünger als sie, selber Maler und verheiratet. Die Beiden werden trotzdem ein Paar, eine Beziehung, die bis zu ihrem Tod halten wird. Israels Frau scheint nichts dagegen zu haben. Wie gesagt, es ist die Zeit der sexuellen Revolution. In New Yorker Künstlerkreisen sieht man das nicht mehr so eng.</p>

<p>Über ihren Freund lernt sie unter anderem auch Fotografen wie Richard Avedon kennen und es sind diese Einflüsse, die ihre Arbeit immer einprägsamer werden lassen. Sie arbeitet an verschiedenen Serien und macht in der Zeit mehrere Fotos, die bis heute Wiedererkennungswert haben. Früh fing sie zum Beispiel an, sich besonders für Zwillinge und Drillinge zu interessieren. Und eines ihrer berühmtesten Bilder zeigt zwei Zwillingsmädchen, die Händchen haltend nebeneinander stehen, direkt in die Kamera schauen und trotz dieser symmetrischen Pose und dem ähnlichen Äußeren einfach sehr, sehr unterschiedlich aussehen.</p>

<p>Stanley Kubrick, der Diane Arbus auch persönlich kannte, wird dieses Bild später zitieren, in seinem berühmten Film &#8222;The Shining&#8220;. Der Film spielt in einem verwunschenen Hotel. Ein Familienvater, gespielt von Jack Nicholson, lässt sich mit seiner Familie dort über den Winter als eine Art Hausmeister in Residence einschneien und wie es sich für so ein Horrorhotel gehört, nimmt das Schicksal ab hier seinen Lauf. Der kleine Danny, der Sohn der Familie, fährt mit einem Dreirad durch die Gänge des Hotels und begegnet dort plötzlich zwei Händchen haltenden Mädchen.</p>

<p>[Einspieler]</p>

<p>&#8222;Hello, Danny. Come and play with us.&#8220;</p>

<p>Und die sehen schon sehr von Arbus’ Bild inspiriert aus.</p>

<p>Ein anderes eher bekanntes Bild von ihr trägt den Titel &#8222;Jewish Giant&#8220;. Eigentlich zeigt es ein Familienfoto. Ein Sohn besucht seine Eltern, nur, dass der Sohn derart riesig ist, dass seine Eltern im Größenvergleich wie Zwerge wirken und er sich nur gebeugt im Wohnzimmer aufhalten kann. Alle stehen in diesem Bild, was es noch dramatischer aussehen lässt. Der Giant in dem Bild heißt Eddie Carmel und leidet an Gigantismus, einer Wachstumsstörung.</p>

<p>Und was an dem Bild ganz besonders auffällig ist und für unsere heutigen Augen gar nicht mehr besonders wirkt, ist, wie verhältnismäßig schlampig das Bild eigentlich gemacht ist. Wir wissen, dass alle in diesem Bild sich der Fotografin im Raum bewusst waren. Vermutlich hatte Diane gefragt und sie hatte wohl die Erlaubnis, ein Foto der Familie zu machen. Und sie blitzt in den Raum. Sie hätte also alle Zeit der Welt gehabt, sich Gedanken über die Komposition zu machen oder das Licht zu planen. Die Tatsache, dass das Foto fast schon schnappschussartig aussieht, eine monströse Vignette im Bild ist und das Foto zum Teil überblitzt ist, muss man dann tatsächlich als Absicht interpretieren. Das war kein kurzer, spontaner Schnappschuss und Diane wusste nach jahrzehntelanger fotografischer Arbeit sehr wohl, was sie tat.</p>

<p>Und so muteten die Bilder, die Diane schoss, der damaligen Gesellschaft nicht nur Fotomotive zu, die so noch nie zu sehen waren, sie markiert auch den Start einer völlig neuen Ästhetik. Und beides sind Effekte, die ab jetzt oft und gerne kopiert werden. Diese absichtliche Schlampigkeit im Bildaufbau, die interpretieren wir heute als Candid, als Schnappschussfotografie. Und ungewöhnliche Models sucht man sich heute auch viel regelmäßiger, als es damals üblich war.</p>

<p>Ich habe mir vor Kurzem einen Bildband mit Auszügen aus dem Lebenswerk des berühmten amerikanischen Fotografen Howard Schatz gekauft und einer seiner langjährigen Fotoserien portraitiert die San Francisco Kink, Gay and Pride Scene, Menschen also, die gerade deswegen, weil sie anders aussehen, eine ganz besondere Faszination ausstrahlen. Und da gibt es durchaus Parallelen zu Diane Arbus&#8216; Werk, die Fotos von Travestiekünstlern und Nudisten gemacht hat.</p>

<p>Aber selbst, wenn Diane einfach &#8222;nur&#8220;, in Anführungsstrichen, Streetfotos gemacht hat, war ihr Auge für die ungewöhnliche Situation oder das ungewöhnliche Motiv wirklich bemerkenswert. Und das bringt uns zu ihrem vielleicht berühmtesten Foto, dem Bild, das alle paar Jahre wieder eine Schlagzeile macht, wenn ein Originaldruck für mal fünfhundert- , mal siebenhundert tausend Dollar weiterverkauft wird. Es zeigt einen Jungen im Central Park in New York, ungefähr sieben Jahre alt. Er schaut uns an, mit weit und leicht irre aufgerissenen Augen und einem zur Grimasse verzogenen Gesicht. Man weiß nicht so genau, macht sich der Junge vielleicht ein bisschen lustig und albert für die Kamera herum oder ist da etwas Irres in dem Blick, vielleicht auch etwas Traurigkeit? Einer seiner Hosenträger ist heruntergerutscht. Vielleicht ist er ja auch herumgelaufen. Seine linke Hand scheint etwas Unsichtbares festzuhalten. Sie ist zu einer offenen Klaue verkrampft. Und in seiner rechten Hand hält er eine Handgranate.</p>

<p>Es ist ein bemerkenswertes und ein verstörendes Foto. In dem Bild gibt es keine erkennbare Symmetrie, man vermutet fast, Diane Arbus hätte das Bild im Vorbeigehen geschossen. Spontan eben. Das Bild jedenfalls ist bemerkenswert und es fällt auf den Boden der gerade tobenden Kontroverse rund um den Vietnamkrieg.</p>

<p>Und es zeigt den New Yorker Jungen Colin Wood. Der wird später erzählen, dass er sich eigentlich nicht mehr daran erinnert, wie Diane Arbus dieses Foto von ihm gemacht hat. Er hat allerdings eindeutig gewusst, dass er fotografiert wird, denn es gibt den kompletten Kontaktabzug, also die Reihe von Fotos, die vor diesem Bild und kurz nach diesem Bild entstanden sind und daran kann man sehen, dass Colin mit Diane Arbus wie ein typischer Siebenjähriger, sagen wir mal, zusammengearbeitet hat. Am Anfang ist er anscheinend noch etwas verlegen. Da kam eine junge Frau auf ihn zu und hat ihn gefragt, ob sie ihn fotografieren darf und er posed so ein bisschen und albert so ein bisschen herum für die Kamera. Er probiert sich aus, läuft herum und Diane positioniert sich in verschiedenen Winkeln zu ihm. Und irgendwann macht er eben dieses goofige Gesicht. Diese Handgranate in der einen Hand, dieser irre Gesichtsausdruck, diese zur Klaue geformte andere Hand ist für einen kleinen Augenblick zu sehen und Diane drückt in diesem Moment ab.</p>

<p>Das Foto wird zu einer Ikone der amerikanischen Antikriegsbewegung. Aber auch die Anarchisten drucken es gerne auf ihre Plakate. In einem 17-jährigen Teenager aus Portland, Oregon, Matt Groening, steckt beides so ein bisschen. Er demonstriert zu der Zeit. Vielleicht hat er auch sogar mal ein Plakat mit dem Jungen und der Spielzeughandgranate herumgetragen, gesehen hat er es auf jeden Fall. Matt jedenfalls wird uns später mit einer Popkulturikone beschenken.</p>

<p>[Einspieler &#8211; das &#8222;The Simpsons&#8220; Intro]</p>

<p>Und die Figur des Bart Simpson, sagt er später, basiert auf dem, was er in dieser Figur, in diesem Jungen mit der Granate gesehen hat. Eine gewisse Aufmüpfigkeit, eine Herkunft, die er da vermutete und so inspiriert der junge Colin Wood, der mit 7 Jahren und einer Spielzeughandgranate von Diane Arbus festgehalten wird, eine der ikonischsten Figuren der modernen Popkultur.</p>

<p>Er erinnert sich, dass seine Kindheit zu der Zeit eher weniger spaßig war. Sein Vater befand sich mal wieder in einer Scheidung und der junge Colin lief einigermaßen unbetreut in New York durch die Gegend. Allerdings jetzt nicht verwahrlost oder so. Sein Vater war ein erfolgreicher Tennisspieler, öfters in den Top Ten in der Weltrangliste. Aber in der Jugend von Colin eben auch mehr mit sich selbst als mit seinem Sohn beschäftigt.</p>

<p>Er war jetzt nicht gerade begeistert davon, dass sein Sohn sich plötzlich auf einem Foto der Antikriegsbewegung wiederfand und Colin erinnert sich auch, dass Schulkameraden das Bild gefunden hatten und es in der Schule aushingen. Alles Ereignisse, auf die er auch gut hätte verzichten können. Trotzdem hat ihn das Foto nicht weiter beeinflusst, sagt er.</p>

<p>Nach der vierten und letzten Scheidung seines Vaters und seinem erfolgreichen Schulabschluss gründen die Beiden gemeinsam ein Unternehmen. Sie bauen Tennisplätze überall auf der Welt. Und sie sind erfolgreich. Nicht ganz so der Lebenslauf, den man sich von einem Jungen erwartet, dessen Foto für eine Weile in einer Ausstellung für unterprivilegierte Amerikaner zu sehen ist und auf Antikriegsdemonstrationen herumgetragen wird.</p>

<p>Aber irgendwie auch nicht ganz ungewöhnlich für ein Foto von Diane Arbus. Sie ließ sich von diesem Moment überraschen. Wen interessiert da schon der Rest? Parallel arbeitet sie weiter an ihrer fotografischen Karriere. Sie landet relativ schnell Aufträge bei großen Magazinen. Die waren zu der Zeit durchaus experimentierfreudig und so darf sie Fotostrecken gestalten, die eher ungewöhnlich sind.</p>

<p>Mit jedem Auftrag öffnen sich dann weitere Türen. Magazine wie &#8222;The Esquire&#8220;, &#8222;Harper&#8217;s BAZAAR&#8220;, aber auch Kunden wie der New York Times, Sports Illustrated, Herold Tribune, Diane Arbus ist schnell gefragt und kommt rum. Schnell hat sie einen Ruf als Fotografin, deren Bilder eher exzentrisch wirken. Selbst, wenn sie bekannte Persönlichkeiten oder Mitglieder der High Society fotografiert, sind ihre Fotos ungewöhnlich. Magazine schießen sich darauf ein und so werden bestimmte Aufträge gar nicht mehr an sie herangetragen. Klassische Politikerfotos? Naja, ist ja nicht wirklich etwas für Diane.</p>

<p>Parallel zu ihren Auftragsarbeiten bemüht sich Diane auch immer um Unterstützung für freie Aufträge. Es gibt verschiedene Institutionen, die Stipendien für besonders interessante Arbeiten herausgeben, so zum Beispiel die Guggenheimstiftung. Von da ergeben sich auch verschiedene Reportageaufträge, die mal privat, mal öffentlich finanziert werden. Als sich die Magazinbranche allerdings im Umbruch befindet, gehen auch ihre Aufträge zurück und sie fängt an, zu lehren und bei Ausstellungen mitzuwirken.</p>

<p>Während dieser ganzen Zeit leidet Diane unter massiven depressiven Schüben. Schon ihre Mutter kämpfte mit Depressionen und Diane hatte besonders nach einer Hepatitiserkrankung 1966 immer wiederkehrende zum Teil heftige Schübe. Sie suchte sich auch Hilfe und war in Behandlung, aber 1971 wurde ihr dann alles zu viel. Sie stellt ihren Terminkalender auf die Treppe, schreibt in ihr Notizbuch &#8222;Letztes Abendmahl&#8220;, bevor sie Schlafmittel nimmt und sich die Pulsadern auftrennt.</p>

<p>Seither wird ihre Arbeit wieder und wieder neu entdeckt. 1972, also ein Jahr nach ihrem Tod, ist sie die erste amerikanische Fotografin überhaupt, die auf der Biennale in Venedig ausgestellt wird. Es geht eine Monografie von ihr um die Welt, das Museum of Modern Art macht eine Diane Arbus Retrospektive und einige ihrer fotografischen Ideen prägen bis heute die Fotografie.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sun, 23 Jan 2022 16:49:57 GMT</pubDate>
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            <title>Ein Aasgeier, zwei Opfer</title>
            <link>https://fotomenschen.net/posts/ein-aasgeier-zwei-opfer.html</link>
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            <description>Seit es technisch möglich wurde unterwegs zu fotografieren gehören Fotos aus Krisengebieten und von Menschen in Not zu den Grundpfeilern der Fotografie und oft wird behauptet diese Bilder hätten die...</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
</p>
<p>Seit es technisch möglich wurde unterwegs zu fotografieren gehören Fotos aus Krisengebieten und von Menschen in Not zu den Grundpfeilern der Fotografie und oft wird behauptet diese Bilder hätten die Macht die Öffentlichkeit aufzurütteln und die Welt zu verändern. Genau davon handelt diese Folge&#8230; </p>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Pulitzer" target="_blank">Joseph Pulitzer</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pulitzer-Preis" target="_blank">Pulitzer-Preis</a> (Wikipedia)</li>

<li>History of The Pulitzer Prizes</li>

<li><a href="https://web.archive.org/web/20250508140907/https://www.pulitzer.org/prize-winners-by-category/217" target="_blank" rel="noreferrer noopener">List of Pulitzer Winners in the category &#8222;Feature Photography&#8220;</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_Carter" target="_blank">Kevin Carter</a> (Wikipedia)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20131228175359/http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,165071,00.html" target="_blank">The Life and Death of Kevin Carter</a> (Time Magazine via Web Archive)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://ny-photography-diary.com/sebastiao-salgado-by-nerris-markogiannis/" target="_blank">Aesthetics and Ideology of Sebastiao Salgado</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2001/07/13/arts/photography-review-can-suffering-be-too-beautiful.html" target="_blank">NYT &#8211; PHOTOGRAPHY REVIEW; Can Suffering Be Too Beautiful?</a></li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.amazon.de/Regarding-Pain-Others-Susan-Sontag/dp/0141012374" target="_blank">Susan Sonntag &#8211; Regarding the Pain of Others</a> (Amazon)</li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.worldpressphoto.org/collection/photo-contest" target="_blank">World Press Photo &#8211; Winners from 1955 on</a></li>

<li><a href="https://www.welthungerhilfe.de/spenden-sudan/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Welthungerhilfe &#8211; Sudan</a></li>
</ul>

<ul>
<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/koennen-rechtfertigen-11630320.html" target="_blank">Wie können sie das rechtfertigen?</a> (Frankfurter Rundschau)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunk.de/fotojournalismus-tv-doku-ueber-den-bang-bang-club-100.html" target="_blank">Fotojournalismus &#8211; TV-Doku über den „Bang Bang Club“</a> (Kevin Carter &amp; Freunde)</li>

<li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.rolfnobel.de/essays/2011/06/der-traum-vom-grossen-bild/" target="_blank">DER TRAUM VOM GROSSEN BILD &#8211; WARUM ES JUNGE FOTOGRAFEN IN KRIEGE ZIEHT</a></li>
</ul>

<div class="yt-facade" data-yt="53bIlmMct6I" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.net/assets/yt_53bIlmMct6I.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=RFaSa28ahrM" target="_blank" rel="noopener">Dieses Video auf YouTube ansehen</a></p>
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<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wenn man sich für Fotografie interessiert, kommt man um Kriegsfotos nicht herum. Und ein Grund, warum diese Aufnahmen so wirkmächtig zu sein scheinen, liegt in der Psychologie der Menschen begründet. Wir können gar nicht anders. Es gibt zwei Themen, die uns wie nichts Anderes in ihren Bann schlagen, wann immer sie uns begegnen: Nacktheit und die Darstellung von Leiden.</p>

<p>Und so wandeln wahnsinnig viele Kriegsfotografien auf einem schmalen Grat zwischen Aktivismus und Gewaltpornografie. Und wir als Betrachterinnen und Betrachter können uns anscheinend nicht ganz entscheiden, ob wir Menschen, die solche Fotos aus den Kriegsgebieten zujubeln und gratulieren sollen oder sie aufs Übelste dafür kritisieren, dass sie Geld aus den Leiden Andere zu machen scheinen. Während wir also Fotograf/-innen wie Lee Miller, <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> oder <a "/tags/robert-capa.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="49" title="Robert Capa">Robert Capa</a> als Helden des Genres verehren, wurden Fotografen wie Sebastiao Salgado oder auch Steve McCurry dafür beschimpft und kritisiert, dass ihre Bilder zu schön wären, zu ästhetisch. Salgado antwortete darauf, dass eine ästhetisch schöne ansprechende Darstellung der Menschen in seinen Aufnahmen diesen Menschen ihre Würde gibt. Aber man könnte jetzt auch sagen, dass die Bilder dadurch unter Umständen auch wirklich erst für den Kunstbetrieb interessant wurden. Salgado, der jahrzehntelang in Ländern von Ruanda bis zum Kosovo das Leiden von Menschen fotografiert hat, macht Aufnahmen, die man fast nicht mehr ignorieren kann, sie sind so schön, dass man fast hinschauen muss und das dargestellte Leiden und Elend ist so schmerzhaft, dass es kaum auszuhalten ist. Das wiederum, so würde mancher argumentieren, sorgt dafür, dass wir nicht ignorieren können, welche Missstände irgendwo stattfinden.</p>

<p>Fotografie rüttelt auf, macht aufmerksam, weißt darauf hin, klagt an. Aber dann, ja dann, ändert sich oft gar nichts. Jahrzentelang bereiste Salgado Afrika und dokumentierte Leiden in bürgerkriegsgebeutelten Ländern. Und hat sich etwas geändert?</p>

<p>Steve McCurry fotografierte Flüchtlinge in Afghanistan. Und das berühmte Bild, dass angeblich den Vietnamkrieg zu beenden half, das wurde gemacht, da waren die amerikanischen Truppen eigentlich schon am Abziehen. Aber in dieser ganzen Argumentation steckt natürlich ein Denkfehler, das einzige Bild, das ändert wahrscheinlich nichts, aber in Summe und über Zeit ändert sich natürlich sehr wohl der Blick der Menschen auf ein Thema. Und sich diese Möglichkeit offenzuhalten, das war die große Leidenschaft des Verlegers und Journalisten Joseph Pulitzer.</p>

<p>Er war 1847 in Ungarn geboren und mit 17 wollte er eins: aus Ungarn weg. Er bewarb sich bei der österreichischen, der französischen und bei der britischen Armee und keine von denen wollte ihn haben, er wurde jedes Mal als untauglich eingestuft. Aber wie so oft Beharrlichkeit hilft und so schaffte er es 1864 in ein US-Bataillon akzeptiert zu werden und über Boston in die USA einzureisen. Er diente in einem deutschsprachigen Bataillon im amerikanischen Bürgerkrieg. Als der vorbei war, wollte er in den USA Fuß fassen, weil er aber hauptsächlich Deutsch und Französisch sprach und nur sehr wenig Englisch, war das zunächst schwieriger als gedacht. Aber Pulitzer hatte ein Ziel und so paukte er nicht nur Englisch, sondern begann Jura zu studieren. Als er 1867 amerikanischer Staatsbürger wurde, hatte r seinen Abschluss und sprach und schrieb exzellentes Englisch. 1868 kam er nach Missouri und trat dort eine Stelle bei einer deutschsprachigen Zeitung an. 1871 war er schon Herausgeber und Miteigentümer und 1873 zog er weiter. Und so wie diese ersten Jahre als Journalist ging es ab jetzt weiter, es war eine Serie von <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>-Berufen, Redakteurposten, Teilhaben an Zeitungen und Gründungen von Zeitungen. Von Anfang an machte sich Josef Pulitzer einen Namen als ein akribischer Rechercheur. Seine Artikel prangerten Missstände an und gingen dahin, wo es wehtat. Seine Artikel waren sensationell recherchiert und waren vor allen Dingen auch skandalträchtig. Und Pulitzer machte vor niemandem Halt, als er 1909 einen Bestechungsskandal rund um den Panamakanal aufdeckte, wo es unter anderem um die Zahlung von 40Mio. US.Dollar unter dem US-Präsidenten Theodor Roosevelt ging. Wurde er von Roosevelt und <a "/tags/j-p-morgan.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="44" title="J.P. Morgan">J.P. Morgan</a> direkt verklagt. Ein Prozess, der Pulitzer noch berühmter machte als er ohnehin schon war, denn er ging siegreich hervor und wurde damit zu einem Helden der Pressefreiheit.</p>

<p>Diese Art von Journalismus, diesen an der Sensation kratzenden, aber hervorragend recherchierten investigativem Journalismus nennt man ungefähr Yellow Press, ein Begriff, der auch aus der Geschichte Joseph Pulitzers stammt. Als der nämlich 1895, die ersten Zeitungen im Vierfarbdruck verlegte, entschied er sich für das Abdrucken eines Comic-Strips, in dem ein Junge mit einem gelben Shirt die Hauptrolle spielte. Nicht klang und die Zeitungen, die sich von Pulitzers Stil inspirieren ließen, wurden schlicht Yellow Press genannt. Ein Begriff, der bis heute überlebt hat.</p>

<p>Und noch etwas geht auf Joseph Pulitzer zurück, die Gründung der ersten Journalistenschule in den USA. Als erfolgreicher Verleger träumte er davon, den Nachwuchs gezielt ausbilden zu lassen, ethische Standards, professionelle Praktiken, die wollte er vermitteln. Und so versuchte er 1892 mit einer Geldspende in Höhe von 2 Mio. US-Dollar, die Gründung einer Journalistenschule voranzutreiben, weil diese Spende allerdings nicht akzeptiert wurde, schrieb er sie kurzerhand als Stiftung in sein Testament. Nach seinem Tot, so verfügte er, solle eine &#8222;School of Journalism&#8220; gegründet werden und das restliche Geld dann zur Stiftung eines journalistischen Preises verwendet werden. Ein Jahr nach seinem Tod 1912 wird diese Idee Wirklichkeit, die Columbia Universität gründet eine journalistische Fakultät und seit 1917 wird jährlich der Pulitzer-Preis verliehen. Ging es bei dem Preis hauptsächlich um reine journalistische Berichterstattung, wurde bald deutlich, dass es mehrere Kategorien geben müsste. Insgesamt wird der Preis, inzwischen jährlich in 23 Kategorien verliehen, 15 davon sind journalistisch geprägte Kategorien, wie z.B. Audioreportage, Kommentar oder Breaking News Reporting. 7 Kategorien fallen in den Bereich Literatur, Theater und Musik und dann gibt es noch einen Sonderpreis. Alles in allem hat der Pulitzer inzwischen ein Prestige, dass man mit den Oscarverleihungen in der Filmbranche vergleichen kann. Es gehört ein Preisgeld in jede Kategorie und das Prestige, dass mit dem Gewinn eines Pulitzer-Preises einhergeht, sorgt normalerweise für ganz gute Karriereaussichten.</p>

<p>Jetzt war es natürlich so, dass in der Berichterstattung auch damals als Pulitzer seine ersten Schritte als Journalist machte, Fotografie eine wichtige Rolle spielte. Trotzdem dauerte es bis 1968, bevor der Pulitzer-Preis eine eigene Kategorie für Fotografie bekam. Damit ist der Pulitzer 13 Jahre später dran als der &#8222;world press photo award&#8220;, aber lieber spät als nie.</p>

<p>Beide Preise haben auf jeden Fall gemeinsam, dass sie durchzogen sind von Fotografien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Beide haben gemeinsam, dass viele der Preisträger aus den Rängen von Agenturen wie &#8222;associated press&#8220; oder Reuters kommen. Und oft kommen bei den Preisträgerinnen und Preisträgern all die Konflikte, die ich am Anfang beschrieben habe, in einem Moment, in einem Preis, in einer <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a>, einem Foto zusammen. So wie 1993, als Kevin Carter ein bis heute oft geteiltes und immer wieder verbreitetes Foto macht.</p>

<p>Carter war ein junger Kerl, der sein Leben mehr schlecht als Recht im Griff hatte. Südafrika war zu der Zeit in turbulentes Land, die Apartheid lag in ihren letzten Zügen. Und es war diese turbulente Umgebung, in der sich Kevin Carter und zwei seiner Freunde versuchten durch Reportagen aus dem zum Teil recht gewalttätigen und turbulenten Nachtleben von Städten wie z.B. Johannisburg, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es waren einfach junge Kerle, die dahin gingen, wo die Action war. Selbst dem Nachtleben und den Drogen nicht ganz abgeneigt, kamen sie mehr als einmal selbst auch nur knapp mit dem Leben davon. Allerdings in den Neunzigern achtete die Welt etwas mehr auf die Geschichten, die aus Südafrika kamen, besonders wenn es um den Machtkampf zwischen der herrschenden &#8222;Freedom Party&#8220; und Nelson Mandelas ANC ging.1991 war es dann einer von Kevins Freunden, der für das Foto eines erstochenen Parteiunterstützers einen ersten Pulitzerpreis der Fotografie gewann. Und Carter sah das jetzt als eines seiner Ziele an, den Pulitzer gewinnen, dann würde er es geschafft haben. Und damit war auch klar, dramatische Bilder müssten her. 1993 beschließt er deswegen mit einem Kollegen zusammen in den Sudan zu reisen, um dort die von Rebellentruppen ausgelöste Hungersnot zu dokumentieren. Er muss sich bei seinem regulären Job dafür Urlaub nehmen und reist auf eigene Kasse in das Land. Die Hoffnung: die Fotos würden sich als interessant genug herausstellen, um bei den verschiedenen Nachrichtenagenturen auf Resonanz zu stoßen und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar Pulitzer-Preis Material. Jetzt hatte Carter zwar Erfahrungen darin, wie man auch durchaus gewalttätige Szenerien dokumentiert, aber in ein Bürgerkriegsgebiet und mit einer Hungersnot zu reisen und dort zu fotografieren ist dann doch noch einmal eine völlig andere Hausnummer. Jetzt finden solche journalistischen Fotoreisen nicht vollkommen losgelöst von Infrastruktur ab, es ist also nicht so, dass der heldenhafte Fotograf seinen Rucksack schultert und alleine ins Kriegsgebiet wandert, sondern in aller Regel sind das organisierte Reisen, die zu bestimmten Anlässen stattfinden. Zum Beispiel, wenn die UN Hilfsgüter in ein Land einfliegen oder so. Und selten sind die Fotografen alleine unterwegs, sondern meistens in einer Gruppe mit organisierter An- und Abreise. So auch hier, Kevin Carter und Kollegen werden von einem kleinen Flugzeug zu einer Hilfsmittelverteilstation gebracht. Das Flugzeug landet, alle springen mit Kamera im Anschlag aus der Maschine und Kevin Carter, der sich vieles ausgemalt hatte, aber noch nie vor Ort gesehen hatte, war tief schockiert von den Bildern, die er sah. Routiniert fängt er an zu fotografieren, wie auch seine Kollegen. Allerdings versucht er relativ schnell von den doch relativ hart anzuschauenden Szenen, der vom Hungertod bedrohten Menschen wegzukommen. Auf der Suche nach einfacheren Motiven geht er in Richtung des Busches, als er ein Geräusch hört. Ein leises Wimmern und da macht er das Foto, dass ihm den Pulitzer-Preis einbringen sollte, ein Mädchen war nämlich auf dem Weg zu der Essensverteilung gestolpert und gefallen, es ist so ausgehungert, es hat praktisch keine Kraft mehr sich groß aufzurichten und zu bewegen.</p>

<p>Und die Szene, die Kevin hier festhält, wird Menschen rund um den Erdball entsetzen, denn keine drei Meter von dem Mädchen entfernt, sitzt ein Aasgeier am Boden und beobachtet das Kind. Furchtbar und ohne Kontext schwierig, denn was das Bild natürlich nicht zeigt ist, ob andere Menschen in der Nähe waren, ob denn eine Gefahr für das Mädchen bestand, ob es sich wenig später aufgerichtet hat, ob irgendjemand den Vogel verscheucht hatte. Das Bild selbst zeigt die Szene, wie sie sich in dem Moment für Kevin Carter darstellt, ein kraftloses Kind am Boden und ein Aasgeier, der darauf wartet Beute zu machen. Harter Stoff, Kevin Carter, der sich gerne mit Image des harten Kerls umgibt, hat in Wirklichkeit eine jahrelange Geschichte von depressiven Schüben und Drogenmissbrauch hinter sich, dieser Anblick und diese Szenerie, die er nicht nur in diesem Moment aufgenommen hatte, schlägt bei ihm ein wie eine Bombe. Er selbst beschreibt die Szene so, dass das Mädchen am Boden lag und der Vogel eine Weile dort sitzen blieb. Er hatte direkt ein Foto gemacht, wartete aber noch eine Weile, ob der Vogel vielleicht die Flügel ausbreiten würde. Später, als ihm der Vorwurf gemacht wurde, er hätte an seinen eigenen Vorteil gedacht, statt dem Kind zu helfen, verteidigte er sich damit, dass er sagte, erstens habe er ja später dann den Vogel verscheucht und zweitens wäre das Kind dann ja auch wieder aufgestanden und weitergelaufen. Und überhaupt ist der Beruf eines Kriegsreporters ja nicht unbedingt überall Erste-Hilfe zu leisten, sondern zu dokumentieren, was er sieht, um Menschen davon zu berichten und womöglich dazu zu bringen, den Menschen, die da in Not sind, zu Hilfe zu eilen. Ja, aber trotzdem fanden, die von der Aufnahme schockierten Betrachtenden, dass Carter mehr hätte tun müssen, statt einfach nur ein Foto zu machen.</p>

<p>Ganz egal wie wir jetzt dazu stehen, Kevin jedenfalls packt seine Kamera, seine Filme, besteigt das Flugzeug und fliegt wieder nach Hause. Diese Fotogelegenheiten dauern dann auch nicht Stunden oder tagelang, die sind dann doch eher überschaubar in ihrem Zeitaufwand. Carter entwickelt die Filme und verkauft die Aufnahmen an entsprechende Agenturen und wie es der Zufall so will, die New York Times beschließt, genau diese Aufnahme für eine Artikelstrecke über den Sudan zu verwenden und kauft die Aufnahme. Und das Foto macht Eindruck, so viel Eindruck, dass eine unüberschaubare Anzahl Zeitungen weltweit genau dieses Bild aufnehmen und ebenfalls abdrucken.</p>

<p>14 Monate nachdem er diesen Moment im Busch dokumentiert hatte, wird sein Traum vom Pulitzer deswegen Wirklichkeit und das muss sich für ihn sehr seltsam angefühlt haben, denn gerade als er die Nachricht erhält, dass er für den Pulitzerpreis nach New York eingeladen wurde, ist der Rest seines Lebens in Trümmern, der Trip in den Sudan hat ihn so heruntergezogen, dass er verstärkt zu Drogen griff, seine Stelle bei einer lokalen Zeitung verlor und kurz vor der Nachricht des Pulitzerpreisgewinns von seiner Freundin verlassen worden war. Er war also praktisch Mittel- und Obdachlos, aber es sah fast so aus als wenn, sozusagen in letzter Sekunde der Pulitzer-Preis zur Rettung gekommen wäre. Er steigt also ins Flugzeug, fliegt nach New York und lässt dort die Sau raus. Er ist ein gutaussehender junger Mann und genießt es im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, der Nimbus des Starfotografen, gepaart mit seinem Auftreten macht ihn zum Star der New Yorker Szene, für ein zwei Wochen. Und dann brach die weltweite Kritik über ihn herein. Es ist ein Ding, ob man so ein Foto veröffentlicht hat und dafür dann Kritik einsteckt, aber kaum, dass er den Pulitzer-Preis gewonnen hat, schaltet die weltweite Empörung in eine neue Stufe. Und als er wieder daheim ist, wird die gesamte Situation irgendwann zu viel für ihn, Freunde versuchen ihn noch dazu zu überreden sich professionelle Hilfe zu holen. Aber Appelle kommen zu spät, es ist nichts Kevins erster Versuch sich das Leben zu nehmen, aber dieses Mal ist er erfolgreich. Zwei Monate nachdem er der Star des New Yorker Journalisten-Nachtlebens war, setzt er seinem Leben ein Ende.</p>

<p>Und uns sollte diese Geschichte sehr, sehr nachdenklich machen, denn wir urteilen schon enorm schnell, auf Basis von Fotos, deren Kontext wir nicht kennen und deren Macherinnen und Macher uns vollkommen unbekannt sind. Und gleichzeitig feiern wir die Menschen, die uns diese Bilder bringen. Im Sudan herrscht immer noch Hungersnot, 13,4 Mio. Menschen sind jetzt während ich hier aufnehme am 7.1.2022 im Sudan auf humanitäre Hilfe angewiesen und es herrscht immer noch Bürgerkrieg. Und deswegen fliegen wieder und wieder Fotografierende und Journalisten ins Land, um uns aufzurütteln, in der Hoffnung, dass Pulitzer und so viele andere nach ihm recht haben und sich die Welt vielleicht doch ein klein bisschen ändern lässt, wenn man Geschichten erzählt.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Fri, 07 Jan 2022 17:38:52 GMT</pubDate>
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            <title>Arbeitende Kinder</title>
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            <description>Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten. </p>

<div><figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="220" height="317" src="https://fotomenschen.net/assets/220px-Lewis_Hine_selfportrait1.jpg" alt="Porträt eines Mannes mittleren Alters mit heller Frisur, der eine Brille und einen dunklen Anzug trägt."/></figure></div>

<ul><li>Lewis W. Hine (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hine" target="_blank">English</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hine" target="_blank">Deutsch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ellis_Island" target="_blank">Ellis Island</a> (Wikipedia)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://artmuseum.princeton.edu/collections/objects/12552" target="_blank">Sadie Pfeifer, 48 inches high</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://news.fotocommunity.de/" target="_blank">LEWIS WICKES HINE: FOTOGRAF DER VERLORENEN KINDHEIT</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/hine-100.html" target="_blank">26.09.1874 &#8211; Geburtstag des Fotografen Lewis W. Hine</a> (WDR Beitrag)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.taschen.com/de/books/photography/43917/lewis-w-hine-america-at-work/" target="_blank">Buch: Lewis W. Hine. America at Work (Hardcover, Taschen, 16€)</a></li><li><a href="https://www.zeit.de/arbeit/2018-11/america-at-work-lewis-w-hine-sozialdokumentation-fs?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Alle haben geraucht&#8220; (Die Zeit)</a></li><li><a href="https://www.stern.de/panorama/wissen/die-bilder-von-lewis-hine-klagen-das-elend-der-kinderarbeit-an-8370578.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dieser Fotograf beendete das Elend der Kinderarbeit in den USA</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="560" height="690" src="https://fotomenschen.net/assets/Brooklyn_Museum_-_Climbing_into_the_Promised_Land_Ellis_Island_-_Lewis_Wickes_Hine1.jpg" alt="Eine Gruppe von Menschen in historischer Kleidung versammelt sich drinnen, wobei einige Körbe und Kisten tragen."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="757" src="https://fotomenschen.net/assets/1920px-Child_laborer1-1024x757.jpg" alt="Ein junges Mädchen steht in einem Gang zwischen zwei langen Reihen von Textilmaschinen in einer Fabrikhalle." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="976" height="689" src="https://fotomenschen.net/assets/Pennsylvania_coal_breakers_Breaker_Boys_19121.jpg" alt="In einer schwach beleuchteten Industriewerkstatt sitzen zahlreiche Arbeiter an langen Tischen und verrichten dort manuelle Tätigkeiten." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="804" src="https://fotomenschen.net/assets/1920px-ChildLabor19101-1024x804.jpg" alt="Eine Frau mit einem hellen Kopftuch trägt einen rechteckigen Kasten auf einem schmalen Weg durch eine offene Landschaft." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="694" src="https://fotomenschen.net/assets/1920px-Midnight_at_the_glassworks2b1-1024x694.jpg" alt="Drei Arbeiter posieren zwischen großen Rohren und industriellen Maschinen in einem dunklen Fabrikinneren." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="720" src="https://fotomenschen.net/assets/Little_Lottie_a_regular_oyster_shucker_in_Alabama_Canning_Co._She_speaks_no_English._Note_the_condition_of_her_shoes..._-_NARA_-_523398-1024x720.jpg" alt="Mehrere Frauen arbeiten in einer Werkstatt und bearbeiten Waren mit kleinen Schalen auf einem Holztisch." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="735" height="1024" src="https://fotomenschen.net/assets/1024px-Lewis_Hine_Power_house_mechanic_working_on_steam_pump1-735x1024.jpg" alt="Ein Arbeiter kniet und arbeitet mit einem Werkzeug an der großen, verschraubten Flanschplatte einer industriellen Maschine." /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="820" src="https://fotomenschen.net/assets/1920px-Old_timer_structural_worker21-1024x820.jpg" alt="Ein Mann steht auf einem Metallgerüst und blickt über eine ausgedehnte Großstadt-Skyline mit vielen Wolkenkratzern." /></figure></li></ul></figure>

<ul><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/kinderarbeit-fragen-und-antworten/275272" target="_blank">Unicef &#8211; Kinderarbeit weltweit: Die 7 wichtigsten Fragen und Antworten</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/foto-des-jahres/wettbewerb-2019" target="_blank">Unicef Foto des Jahres</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/?pk_source=GoogleAds&amp;pk_campaign=cpc&amp;pk_kwd=kinder%20arbeit" target="_blank">aktiv gegen kinderarbeit</a></li></ul>

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<p><strong>Tranksript</strong></p>

<p>Als die Industrialisierung in Ländern wie den USA ankam, brauchte sie vor allen Dingen eins: billige Arbeitskräfte. Und die billigsten Arbeitskräfte, das sind die Kinder armer Familien. Sie sind billig, sie sind schnell, sie trauen sich nicht, zu streiken und es gibt viele. Kein Wunder, dass die Land auf, Land ab im Einsatz sind. Sie sind Minenarbeiter, Fabrikarbeiter, helfen bei Ernten, laufen als Botenjunge und Zeitungskinder durch die Straßen.</p>

<p>Und die Menschen, die nicht zu den Armen gehören, schauen sich das an und finden nichts dabei, denn sie wissen ja nichts über die Bedingungen, bei denen diese Kinder arbeiten. Ein Zustand, der sich dank der Fotografien eines bemerkenswerten Mannes ändern sollte: Lewis Wickes Hine.</p>

<p>Ich habe so einige Stunden diese Woche damit zugebracht, mich durch Lewis Hines Bilder zu blättern. Es gibt vom Taschenverlag ein Buch, in dem sein Gesamtwerk abgebildet ist. Geboren wird er im Jahr 1874 in Wisconsin. Als sein Vater stirbt, als er gerade mal 16 war, wird es notwendig, dass er zum Familieneinkommen beiträgt, und so fängt Lewis zu Arbeiten an. Ob da vielleicht sogar schon ein Grundstein für sein späteres Werk gelegt wird, kann man nur spekulieren, aber in jedem Fall weiß man, dass Lewis von Anfang an viel mit der arbeitenden Bevölkerung zu tun hatte, mit Menschen, die nicht immer gut gestellt waren.</p>

<p>Es ist das Jahr 1900, als er ein Pädagogikstudium in Chicago beginnt und wenige Jahre später an der Ethical Culture School in New York eine Anstellung als Lehrkraft antritt. Hier findet Lewis Hine auch zur Fotografie, damals noch im Kollodium-Nassplatten-Verfahren, und beginnt irgendwann schließlich auch Fotokurse zu geben.</p>

<p>An seiner Schule sind viele Einwanderer eingeschrieben, hauptsächlich osteuropäischer oder jüdischer Abstammung. Ein Großteil der Einwanderer in der damaligen Zeit kommen durch New York. Und alle mussten Station auf Ellis Island machen, einer kleinen Insel im Hudson River, auf dem die Einwanderungsbehörden der USA sämtliche Formalitäten erledigen. Alle Migranten, die zu der Zeit von der Seite in die USA einreisen, müssen durch diese Insel.</p>

<p>Und Lewis beschließt, daraus ein Fotoprojekt zu machen. Es entstehen die ersten eindrücklichen Aufnahmen von Einwanderern, Menschen, die sich den Formalitäten unterwerfen, die dort Treppen hochsteigen und in Warteräumen sitzen.</p>

<p>Das, was Lewis Hine schon damals macht, hat heute einen Namen, nämlich Sozialreportage, aber zu der Zeit gab es das kaum. Niemand machte sich die Mühe, Menschen dabei zu fotografieren, wie sie ihrem Alltag nachgingen. Und schon gar nicht, wenn diese Menschen im Grunde benachteiligte, oft arme Leute aus anderen Ländern sind. Lewis spricht auch mit seinen Fotomotiven, er macht Notizen. Und so wissen wir oft nicht nur, welche Szene eine Aufnahme zeigt, sondern haben auch Details zu einzelnen der Menschen, die darauf abgebildet sind. Name, Alter, woher sie kommen, was sie machen.</p>

<p>Je mehr Lewis fotografiert, desto mehr beginnt er auch, sich für die theoretische Seite seiner Leidenschaft zu interessieren. Er fängt an, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Das Themenspektrum ist weit: Mal geht es um die Wirkung von Fotografien, mal schreibt er über die pädagogischen Ideen in seiner Arbeit. Und dann wieder äußert er sich zu den sozialen Bedingungen, die er antrifft.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der er auch den Soziologen Paul Kellogg kennenlernt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift namens &#8222;The Survey&#8220; und Lewis Hine wird in den folgenden 30 Jahren Bilder in diesem Magazin veröffentlichen. Zu der Zeit, als die zwei Männer sich kennenlernen, arbeitet Kellogg gerade an einer Studie, in der er sich mit den Zuständen in der aufstrebenden Industriestadt Pittsburgh beschäftigt und Lewis Hine soll die Fotografien zu diesem Projekt beisteuern. Kellogg geht es darum, die wirtschaftlichen Faktoren mit der Politik seiner Zeit durch Reportageelemente zu verbinden und da sind natürlich Fotografien einzigartig mächtig.</p>

<p>Hine fährt also durch die Industrieanlagen Pittsburghs und macht Fotos von den Arbeitern und ihren Familien und wer zu der Zeit in Fabriken fotografiert, konnte gar nicht anders, als auch Kinder beim Arbeiten zu sehen. Und auch die fotografiert Hine.</p>

<p>Jetzt ist es nicht so, dass Hine als erster Kinderarbeit entdeckt hat. Tatsächlich hat zu der Zeit die USA ein immer deutlicher werdendes Kinderarbeitsproblem. Im Jahr 1910 sind über 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren nicht in der Schule, sondern im Beruf. Die Arbeiten sind oft anstrengend und nicht selten auch gefährlich und so kommt es auch immer wieder auch zu bedauerlichen Unfällen. Es gibt kaum eine Gesetzeslage, die die Kinder schützen würde. Und es gibt nur wenige, die für diesen Schutz kämpfen.</p>

<p>Es ist dieses Klima, in dem das National Child Labor Committee gegründet wird, eine Non-Profit-Organisation, die sich für entsprechende Gesetzgebung einsetzen will und die Macht der Bilder erkennt. Hine hat sich zu der Zeit bereits einen Namen mit seinen Fotografien für die Studie und seinem Projekt auf Ellis Island gemacht und so beschließt das NCLC, einen offiziellen Fotografen anzustellen und wendet sich an ihn. Er sagt zu und die nächsten Jahrzehnte wird Hine kreuz und quer durch die USA reisen und Kinder fotografieren. Und diese Bilder werden in &#8222;The Survey&#8220;, in Publikationen der NCLC oder auch in Vorträgen und anderen Publikationen von Lewis Hine selbst veröffentlicht.</p>

<p>Nach und nach greifen auch immer öfter Zeitungen auf Bilder von Lewis Hine zurück. Und als US-Politiker anfangen, erste Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen, sind es die Bilder von Lewis Hine, die letztlich den Ausschlag geben. Er hat ganze Serien von Aufnahmen, wo kleine Kinder, manchmal nur vier oder fünf Jahre alt, an gigantischen Maschinen arbeiten, wo Kinder zwischen sieben und zwölf in Minen arbeiten, Bilder von Kindern, die ihre Hände in Maschinen gebracht haben und seitdem invalide sind, Fotografien von Zeitungsjungen, die von drei Uhr Nachts bis Abends um elf Zeitungen verkaufen und dafür zehn Cent am Tag verdienen.</p>

<p>Und Lewis hat nicht nur diese Bilder, er hat auch immer ein paar Zeilen dazu. Er weiß, wer auf dem Bild ist. Lewis schreibt auf, welches Alter die Kinder angeben und welches Alter er schätzt. Inzwischen weiß er, auf welcher Höhe ungefähr jeder Knopf auf seinem Mantel ist und er kann durch Abzählen der Knöpfe grob schätzen, wie groß die Kinder sind und eine grobe Altersangabe machen.</p>

<p>In manchen Fabriken ist er natürlich nicht willkommen. Die Vorarbeiter sehen es nicht gerne, dass ein Fotograf auftaucht. Und so findet er alle möglichen Wege, um sich seine Fotos zu besorgen. Manchmal gibt er sich als Vertreter für Bibeln aus und sagt, er hat eine Kamera dabei, damit er seine Kundinnen und Kunden beim Bibellesen fotografieren kann, besonders Kinder mit Bibeln wären ihm sehr recht. Oder er stellt sich mit seiner Kamera einfach vor die Fabrik und fotografiert die Kinder beim Kommen und Gehen.</p>

<p>Lewis Hine macht tausende solcher Aufnahmen. Aber das berühmteste seiner Bilder zeigt die kleine Sadie Pfeifer. Sie ist eines von vielen kleinen Kindern, die in einer Baumwollspinnerei die Maschinen bedienen.</p>

<p>Was ich sehr interessant fand, war, beim Durchblättern von Lewis Hines Werk, dass er anders als seine Zeitgenossen zu fotografieren schien. Seine Bilder haben meistens einen sehr präzisen Bildaufbau. Ich schätze, daran erkennt man unter anderem auch den Fotolehrer. Aber der Bildaufbau bei Lewis Hine ist im Grunde immer der Gleiche. Je nach Bildmotiv sind zum Beispiel Kinder auf der rechten Seite vor einer an ihm vorbeilaufenden großen Maschine abgebildet, immer ungefähr in derselben Position. Oder kleine Kinder stehen in der Mitte der Aufnahme und schauen direkt in die Kamera, die Kamera ganz offensichtlich leicht unterhalb ihrer Augenlinie, sodass man nach oben schauen muss. Lewis begibt sich grob auf Augenhöhe seiner fotografierten Kinder und dadurch werden die Betrachterinnen und Betrachter dazu gezwungen, sich mit dem Motiv zu identifizieren. Außerdem arbeitet Lewis Hine mit selektiver Schärfe. Die Schärfe liegt präzise auf dem Kind.</p>

<p>Der Hintergrund und der Vordergrund verschwimmen in aller Regel leicht in der Unschärfe. Man sieht eine gewaltige Maschine mit einem Streifen Schärfe dran und ein arbeitendes oder Pause machendes Kind. So lassen sich diese Aufnahmen kombinieren, nebeneinander stellen, es ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Bildern, die den industriellen Komplex in den USA noch mächtiger aussehen lassen.</p>

<p>Und seine Bilder beeindrucken. Es gibt ja ungefähr zu der Zeit noch einen anderen großen sozialen Fotografien, nämlich Jacob Riis. Die beiden Männer kannten sich sogar. Während Jacob sich mit den Lebensbedingungen der Menschen in New York und in den USA allgemein beschäftigte, ging es Lewis in erster Linie um die Arbeitsbedingungen. Und seine Arbeit zeigt Wirkung. Nach und nach werden entsprechende Forderungen aufgestellt und Gesetzesentwürfe veröffentlicht. Riis ist zu der Zeit der Chef der NCLC Ausstellungsabteilung und macht bis zu elf Fotoausstellungen im Jahr. Und die Ausstellungen touren zum Teil bis zu 60 Städte.</p>

<p>Im Jahr 1912 gründet die US-Regierung das US Children&#8217;s Bureau, 1916 bis 1918 werden dann endlich Gesetze verabschiedet, die Kinder schützen sollen. Allerdings greifen diese Gesetze in die Autonomie der US-Bundesstaaten ein und so kommt es schnell zu Klagen, woraufhin das oberste Gericht der USA diese Gesetze zunächst wieder annulliert.</p>

<p>Ultimativ dauert es bis in die 30er, bis die USA ordentliche Kinderschutzgesetze verabschieden. Und der Hintergrund ist damals auch ein zynischer: Die Weltwirtschaftskrise schlägt zu. Und die ersten, die durch die Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit verlieren und nicht mehr gebraucht werden, sind die Kinder der Armen, dicht gefolgt von den Armen selbst. Und in einer Wirtschaft, in der es sowieso nicht genügend Arbeit gibt, um alle zu beschäftigen, ja, da hat sich das mit der Kinderarbeit auch erstmal erledigt. Und dieser Moment wird dann vom Gesetzgeber auch genutzt. Als die Weltwirtschaftskrise vorbei ist, gibt es in den USA ordentliche Kinderschutzgesetze, auch auf Bundesebene.</p>

<p>Und Lewis Hine kann von sich behaupten, einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser gesamten Bewegung gehabt zu haben. Und das galt natürlich insbesondere deswegen, weil Lewis Hine einen fotografischen Stil und ein Thema gewählt hatte, das so noch nie dagewesen war und die Menschen aufrüttelte. Eltern sahen Kindern in die Augen, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten und da war es einfach sehr klar, dass eine Schule ein besserer Ort für ein Kind ist. Die so bebilderten Kampagnen rannten dann offene Türen ein.</p>

<p>Und so blieb es auch bei Lewis Hine nicht bei den Bildern von Kinderarbeitern, nach mehreren Jahren Fotografie mit sozialem Auftrag fand er ein neues Schaffensfeld: Er wurde vom Roten Kreuz angestellt und nach Europa geschickt. Dort fotografierte er die Bemühungen des Roten Kreuzes, also zum Beispiel in Kriegslazaretten. Und auch hier richtet er seine Kamera auf den Alltag und auf die einfachen Leute, Krankenschwestern, Veteranen, die Familien der verletzten Soldaten, die Kriegsweisen.</p>

<p>Und was man hier auch nach und nach sieht, ist, dass Hine seinen Blickwinkel verändert. Aus Fotografien, die auf soziale Missstände hinweisen, werden Bilder der Arbeiterklasse.</p>

<p>Als er dann in die USA zurückkehrt, ist das sein Haupttätigkeitsfeld. Wieder reist er durch die USA und wieder fotografiert er hauptsächlich die einfachen Menschen, aber jetzt die Arbeiter und jetzt auch oft mit einem deutlich positiverem Blick. Seine Bilder werden regelmäßig in Firmenzeitungen abgedruckt oder für Werbekampagnen gekauft. Und irgendwann bekommt er den Auftrag, das im Bau befindliche Empire State Building als offizieller Baustellenfotograf zu begleiten.</p>

<p>Und hier bringt er alles zusammen, was er in den Jahrzehnten zuvor an Kenntnissen zusammengetragen hatte. Er ist an den Arbeitern interessiert. Im Stil sehen die Bilder sehr vertraut aus. Ich hab ähnliches von <a "/posts/die-beste-fotografin-der-welt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="14" title="Die beste Fotografin der Welt">Margaret Bourke-White</a> gesehen, oder auch Bilder wie &#8222;Lunch atop a Skyscraper&#8220;, wo ein Stahlträger mit darauf sitzenden Arbeitern abgebildet ist, sehen sehr ähnlich aus wie Aufnahmen, die Lewis Hine hinterlassen hat. Männer, die auf Stahlträgern in schwindelnder Höhe balancieren. In diesen Aufnahmen gibt es keine Missstände anzuprangern. Hine nutzt seine Ästhetik, um den einfachen Mann bei der Arbeit zu feiern. Und diesem Thema bleibt er dann auch bis zum Ende seines Lebens treu.</p>

<p>Nach dem Empire State Building gibt es jetzt keine großen Aufträge mehr, aber Hein fotografiert bis zu seinem Lebensende weiter, meistens Portraits. Und weil er nicht besonders geschäftstüchtig ist, geht ihm nach und nach auch das Geld aus. Als seine Frau stirbt, ist er fast mittellos, zieht bei seinen Kindern ein und beschäftigt sich bis zu seinem Tod mit Schreiben und Fotografieren. Und geriet dann erstmal in Vergessenheit.</p>

<p>So richtig berühmt war er sowieso nie geworden. Seine Arbeit war immer im Schatten anderer Frontfiguren gestanden und so dauert es fast bis in die 70er, bis eine groß angelegte Ausstellung sein Werk nochmal der Öffentlichkeit vorstellt und damit sehr deutlich macht, wie viel Einfluss seine Arbeit auf die Bildarbeit der damaligen Zeit hatte. Die <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die parallel zu ihm oder kurz nach ihm kamen, kannten seine Fotografien ja sehr wohl. Seine Bilder waren Inspirationsquelle, seine Essays waren gelesen worden und so erkennt man seinen Einfluss bis heute. Und bis heute gibt es auch <a "/tags/fotografin.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="8" title="Fotografin">Fotografinnen</a> und Fotografen, die sich mit denselben Themen beschäftigen. Da gibt es Bildbände, in denen einfache Arbeiter portraitiert werden und es gibt Bücher, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen.</p>

<p>Wir haben jetzt gerade, während ich aufnehme, das Jahr 2021 und laut der UNICEF ist dieses Jahr zum ersten Mal wieder mal ein Jahr, in dem die Kinderarbeit global zugenommen hat. 160 Millionen Kinder unter 14 Jahren arbeiten weltweit unter Bedingungen, unter denen Kinder nicht arbeiten sollten. Und damals wie heute gibt es Menschen, die darauf aufmerksam machen und versuchen, mit Fotografien aufzurütteln. Leider ist unsere Welt viel, viel zynischer geworden und deswegen reicht schon lang keine fotografische Arbeit mehr aus, um Regierungen zum Handeln zu bewegen. Was aber nicht heißt, dass es das nicht weiterhin wert ist. Lewis Hine hätte gesagt, es ist es immer wert, dem Menschen zu zeigen, was sonst viel zu einfach wegzuignorieren ist. Und ich finde: Da hat er Recht.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 09 Oct 2021 15:44:06 GMT</pubDate>
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            <title>Das Leben der Anderen</title>
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            <description>Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis.</description>
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====> <a href="/buch" target="_blank">30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera</a> <====
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<p>Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis. Er schreibt gegen das soziale Elend New Yorks an und beginnt irgendwann zur Illustration zu fotografieren&#8230; Herauskam eines der wenigen Fotobücher das wirklich für sich reklamieren kann die Welt verändert zu haben. </p>

<ul><li>Jacon Riis (Wikipedia <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_August_Riis" target="_blank">Deutsch</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Jacob_Riis" target="_blank">Englisch</a>)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://iiif.lib.harvard.edu/manifests/view/drs:4137257$1i" target="_blank">How the Other Half Lives</a> (Digitalisat der Havard Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://iiif.lib.harvard.edu/manifests/view/drs:3197856$1i" target="_blank">Making of an American</a> (Biografie, Digitalisat der Havard Library)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.icp.org/browse/archive/constituents/jacob-riis?all/all/all/all/0" target="_blank">Jacob Riis</a> (International Center of Photography)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://web.archive.org/web/20250613000514/https://www.smithsonianmag.com/history/pioneering-social-reformer-jacob-riis-revealed-how-other-half-lives-america-180951546/" target="_blank">Pioneering Social Reformer Jacob Riis Revealed “How The Other Half Lives” in America</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/2015/10/23/arts/design/jacob-riis-photographs-still-revealing-new-yorks-other-half.html" target="_blank">Jacob Riis Photographs Still Revealing New York’s Other Half</a> (NYTimes)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/koennen-rechtfertigen-11630320.html" target="_blank">Wie können sie das rechtfertigen?</a></li></ul>

<figure><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="567" src="https://fotomenschen.net/assets/riis_jacob_271_1982_461405_displaysize.jpg" alt="Mehrere Männer sind in einem Innenraum versammelt; ein Mann sitzt im Vordergrund, während die anderen stehend gruppiert sind und rechts liegt ein großer Haufen Stoffe."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="569" height="700" src="https://fotomenschen.net/assets/riis_jacob_266_1982_419580_displaysize.jpg" alt="Menschen liegen auf dem Boden einer engen, städtischen Gasse, die von Gebäuden mit Metalltreppen und Holzstrukturen begrenzt wird."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="563" src="https://fotomenschen.net/assets/riis_jacob_250_1982a_431080_displaysize.jpg" alt="Mehrere Männer ruhen in einem überfüllten Innenraum, der mit Kochgeschirr und Haushaltsgegenständen gefüllt ist."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="557" src="https://fotomenschen.net/assets/riis_jacob_203_1982_447394_displaysize.jpg" alt="Ein älterer Mann mit Hut sitzt in einer schwach beleuchteten, überfüllten Werkstatt, die mit gestapelten Materialien und Behältern gefüllt ist."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="568" src="https://fotomenschen.net/assets/riis_jacob_227_1982_433095_displaysize.jpg" alt="Mehrere Personen sitzen in einem dunklen, rustikalen Lokal an Tischen und einer Theke."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="568" src="https://fotomenschen.net/assets/riis_jacob_183_1982_419981_displaysize.jpg" alt="Ein Schwarz-Weiß-Foto von dicht gedrängten, alten Holzhäusern mit Satteldächern vor dem Hintergrund moderner Hochhäuser."/></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="750" height="926" src="https://fotomenschen.net/assets/jacob-riis-how-the-other-half-lives-3.jpg" alt="Eine enge Gasse mit Gebäuden auf beiden Seiten, an der Wäsche zwischen den Häusern hängt und mehrere Personen zu sehen sind."/></figure></li></ul></figure>

<div class="yt-facade" data-yt="JqpQzyK96uk" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.net/assets/yt_JqpQzyK96uk.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

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<div class="yt-facade" data-yt="giQbA-rTEWo" role="button" tabindex="0" aria-label="Play YouTube video"><img class="yt-thumb" loading="lazy" src="https://fotomenschen.net/assets/yt_giQbA-rTEWo.jpg" alt="YouTube video thumbnail" width="1280" height="720"><span class="yt-play" aria-hidden="true"></span></div>

<hr/>

<p><strong>Transkript</strong></p>

<p>Wir glauben ja gerne, dass Fotografie die Welt verändern kann, aber in Wahrheit fällt es dann doch sehr schwer, Beispiele zu finden, wo das wirklich und nachweislich geschehen ist. Heute geht es um so ein Beispiel; um einen Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, in der alles vorkommt: Vollständiger Absturz ins Elend, Aufstieg zu Reichtum und Einfluss, eine Jahrzehnte überdauernde Liebesgeschichte, innovative Fotografie und Bilder, die die Welt verändert haben.</p>

<p>Der Mann, von dem ich heute erzähle, ist einer der Gründerväter der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a> und der sozialen Fotografie. Er war ein Reporter, er selbst hätte sich nicht als Fotograf beschrieben, er hätte gesagt, er ist in erster Linie ein Autor, ein Journalist, ein Beobachter der Menschen. Es dauerte 50 Jahre, bevor man in als das erkannte, was er eigentlich war: Ein Fotograf, dessen Stil ein ganzes Genre geprägt und für grundlegende Veränderung gesorgt hatte.</p>

<p>Dabei dauert es tatsächlich relativ lang, bis er selbst zu seiner Berufung gefunden hatte. Jakob Riis wurde 1848 als drittes Kind von 15 in Dänemark in einen Lehrer- und Journalistenhaushalt geboren. Sein Vater wünschte sich für ihn, dass er eine akademische Laufbahn oder doch wenigstens eine Karriere als Autor anstreben würde, aber der junge Jakob hatte praktischeres im Sinn und wollte Zimmermann werden. Ein lokaler Zimmerer stellte ihn als Lehrling an und so schien die Laufbahn als Handwerker schon mal gesetzt. Seine Familie wusste auch, dass es keinen Sinn machte, ihn umzustimmen zu versuchen. Er war ein recht eigenwilliger junger Mann.</p>

<p>Er war bekannt für ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und ein großes Herz. Es gibt eine überlieferte Anekdote vom damals gerade mal 12 Jahre alten Jakob, dass er einmal sein gesamtes erspartes Geld einer armen Familie angeboten hatte, wenn die im Gegenzug ihr heruntergekommenes Zuhause reinigen und aufbessern würden. Die entschieden sich, das Geschäft anzunehmen und hielten sich an die Abmachung. Als Jakobs Mutter von der Geste erfuhr, machte sie sich spontan auf den Weg und half der Familie bei den Arbeiten.</p>

<p>Aber zurück zu Jakob, den 16-jährigen Zimmereilehrling. Wer weiß, was später passiert wäre, hätte er sich nicht in die damals 12-jährige Tochter seines Meisters verliebt. Sie war der Verbindung eigentlich nicht abgeneigt, aber, wie man sich vorstellen kann, war weder sein Meister noch seine Familie sonderlich begeistert. Um die Situation zu bereinigen, schickt ihn sein Vater für die verbleibenden drei Jahre seiner Ausbildung in das weit entfernte Kopenhagen. Da, so hofft er, wird sich sein Sohn die Flausen aus dem Kopf schlagen und wenn er zurückkommt mit abgeschlossener Ausbildung seinen Weg gehen, wie von ihm erwartet.</p>

<p>Wieder hat man die Rechnung ohne Jakob gemacht, der kommt mit 19 zurück, wilder entschlossen den je, die jetzt 15-jährige Tochter zu heiraten. Sein ehemaliger Meister ist jetzt so wenig begeistert, wie er drei Jahre zuvor begeistert war und lehnt ab.</p>

<p>Und so beschließt Jakob in seinem Kummer und seinem Ärger, das zu tun, was gar nicht wenige junge Männer gemacht haben: nämlich in die neue Welt aufzubrechen. Er ist 21, als er sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht. In seinem Gepäck hat er 40 Dollar, die seine Freunde für ihn gesammelt haben, die Überfahrt hat er aus eigener Tasche bezahlt, das waren ungefähr 50 Dollar. Und als kleines Abschiedsgeschenk steckt ihm die Frau seines ehemaligen Meisters noch etwas ganz Besonderes zu: eine Strähne von seiner großen Liebe Elisabeth. Stellt sich heraus: Nicht nur die Tochter wäre eigentlich zugeneigt gewesen, auch die Mutter hatte eigentlich nichts gegen die Verbindung. Trotzdem ist Jakob jetzt schonmal auf dem Weg und er hat natürlich auch den Anspruch, allen zu zeigen, wozu er imstande ist und sein Glück zu machen in der neuen Welt.</p>

<p>Jakob kommt 1870 in New York an. Es ist eine Welt im Umbruch. Nicht nur sind Millionen Menschen aufgebrochen, um in den USA ihr Glück zu versuchen, der amerikanische Bürgerkrieg hat außerdem noch dafür gesorgt, dass die Menschen vom Land in die Städte gezogen sind. Die Städte sind die Orte, an denen die Industrialisierung für Möglichkeiten und Arbeit sorgen und manche Stadt verachtfacht in dieser Zeit ihre Bevölkerung.</p>

<p>Jakob kommt auch in Zustände, die wir uns heute, glaube ich, gar nicht mehr vorstellen können: 1880 gibt es in New York in der Lower East Side einen Distrikt, in dem 334000 Menschen auf einer Quadratmeile untergebracht sind &#8211; die dichtest besiedelte Meile der Welt. In und um New York bilden sich Slums der übelsten Sorte. Unterkünfte, in denen 10 bis 15 Menschen in einem einzelnen kleinen Zimmer schlafen müssen, sind die Norm. Die Polizei betreibt Armenunterkünfte, Menschen, die auf der Straße eingesammelt werden, werden dorthin zwangseingeliefert, müssen dann da in ähnlich beengten Verhältnissen schlafen und hinterher 5 Cent pro Übernachtung abdrücken. 5 Cent ist für die damals oft mittellosen, armen Menschen ein Heidengeld. Denn hätten die diese 5 Cent, dann hätten die auch noch billiger schlafen können. Es gibt sogenannte 2-Cent-Kneipen, in denen man für 2 Cent einen Teller Suppe und das Recht, die Nacht dort im Sitzen zu schlafen, kaufen kann.</p>

<p>Jakob landet in diesem Viertel an. Er hat 40 Dollar, ist also zunächst mal ordentlich versorgt und er hat ein Empfehlungsschreiben für den dänischen Botschafter in der Tasche, sollte er Hilfe brauchen. Die ersten 20 Dollar sind leicht investiertes Geld, er kauft sich nämlich sofort einen Revolver, um sich gegen menschliche oder tierische Angreifer wehren zu können. Die anderen 20 Dollar sollen ihm über die Zeit helfen, die er braucht, um Arbeit zu finden. Jakob versucht sich als Stahlarbeiter und als Zimmerer, lernt aber schnell, dass es für Immigranten zwar viel harte Arbeit, aber wenig Bezahlung gibt.</p>

<p>Als er davon hört, dass Frankreich Preußen den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> erklärt hätte, versucht er, für Frankreich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> zu ziehen und sich einziehen zu lassen; erfolglos.</p>

<p>Ab hier beginnt eine kleine Odyssee für Jakob: Er versucht sich als Farmhilfe, er arbeitet als Steinmetz für ein lokales Maurerunternehmen und versucht, jede Gelegenheit zu nutzen, doch noch für Frankreich in den <a "/tags/kriegsfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="19" title="Krieg">Krieg</a> ziehen zu dürfen. Irgendwann hört er von Plänen einer Gruppe Freiwilliger von New York aus in den Krieg aufzubrechen und macht sich damit dann auch selbst wieder auf den Weg zurück in die große Stadt. Zu der Zeit schläft er mehr unter freiem Himmel als unter einem Dach. Er ernährt sich von Fallobst, er ist auf Almosen angewiesen und obwohl er versucht zu arbeiten verdient er kaum genug, um sich gelegentlich mal eine Unterkunft leisten zu können. Als er zurück in New York ist, stellt er fest, dass das Gerücht zwar stimmte, er aber zu spät gekommen war. In New York war es auch schwerer, einfach unter freiem Himmel zu schlafen und so schließt Jakob erste Bekanntschaften mit den von der Polizei betriebenen Unterkünften. Er ist so angewidert von den Zuständen, die er vorfindet, dass er sich wenig später wieder auf den Weg macht.</p>

<p>Seine wenigen Besitztümer hatte er sowieso nach und nach verkauft: Die Waffe hat er zum Beispiel schon lange nicht mehr. Und mit dem letzten Seidentaschentuch, das er noch in seiner Tasche fand, kauft er sich eine Fährkarte und macht sich auf den Weg nach Philadelphia. Auf dem Weg dahin nimmt er jede Arbeit, die sich bietet und er schafft es nach Philadelphia, wo er dann mit dem Empfehlungsschreiben, das ihm seine Eltern mitgegeben hatten, vor dem dänischen Konsul vorstellig wird, der ihn aufnimmt und zwei Wochen lang wieder aufpäppelt.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der er dann tatsächlich sowas wie ein ordentliches finanzielles Standbein aufbauen kann. Er arbeitet als Zimmermann und fängt an, so viel Geld zu verdienen, dass er sich es leisten kann, nebenher als Autor zu experimentieren. Er schreibt Artikel, die er bei lokalen Zeitungen und Magazinen einreicht, allerdings mit wenig Erfolg. Seine Themen finden nicht viel Anklang, seine Schreibe ist oft zu polemisch. Er kehrt also zurück nach New York City. Dort versucht er, mit allem möglichen Fuß zu fassen und ist einigermaßen erfolgreich als Vertreter für Bügeleisen.</p>

<p>Die Geschäfte laufen gut. Nicht lange und er hat Angestellte und Vertretungen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten. Er ist der Hauptvertreter einer Bügeleisenmarke im Bundesstaat Illinois und auch in Pennsylvania ist er aktiv. Allerdings ist Jakob auch chronisch gutmütig und gutgläubig und so dauert es auch nicht lange, bis er an die falschen gerät und von Geschäftspartnern komplett über den Tisch gezogen wird.</p>

<p>Außerdem ereilte ihn eine Hiobsbotschaft. Elisabeth, die junge Frau, deren goldene Locke er seither in einer Schachtel immer am Herzen trägt, ist verlobt. Jakob ist am Boden zerstört und macht das, was er da anscheinend immer macht, nämlich nach New York zurückkehren. Wieder ist er ohne Finanzmittel, wieder ist er arbeitslos, wieder ist er in New York.</p>

<p>Allerdings hat er inzwischen Übung in der Kunst des Artikelschreibens und in New York gibt es Bedarf an Menschen, die schreiben können. Er bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung als Redakteur beim Long Island Newspaper und kriegt den Job. Es ist ein relativ hoch dotierter Job und es ist schon fast verdächtig, dass ein Newcomer wie er diesen Job einfach so bekommt. Kaum hat er die Stelle, stellt er fest, warum das so ist: Der Besitzer der Zeitung ist ein derart ausbeuterischer und unehrlicher Geselle, dass alle anderen Kandidaten abgelehnt hatten oder ihm davongelaufen waren. Und so hält es auch Jakob gerade mal zwei Wochen in dieser Stelle.</p>

<p>Jetzt ist er wieder arbeitslos. Äußerlich aussehend wie ein Landstreicher, aber immer noch ganz gut vernetzt, wird ihm zugetragen, dass die New York News Association nach einem Trainee suchen würde. Jakob wäscht sich dürftig in einem Pferdetrog und macht sich auf den Weg zu dem Interview und obwohl er aussieht wie ein Landstreicher, schafft er es, die zuständigen zu überzeugen und bekommt diese Stelle. Das ist tatsächlich ein roter Faden durch die gesamte Biografie von Jakob: Wann immer er die Gelegenheit bekommt, mit Menschen zusammenzutreffen, scheint er sie davon zu überzeugen, dass sie ihr Vertrauen in ihn setzen können. Ganz egal, wie er aussah.</p>

<p>Jakob hatte ein besonderes Talent, zwischen den verschiedenen Schichten hin und her zu wechseln und gleichermaßen über die Reichen wie über die Ärmsten der armen schreiben zu können. Er arbeitet hart und es zahlt sich für ihn aus. Nach und nach baut er sich ein kleines Vermögen auf, kann auch schnell seine Schulden zurückzahlen und gewinnt Routine in der Arbeit eines Journalisten. Die Zeitung, bei der er arbeitet, macht ihn schnell zum Hauptredakteur, allerdings steht sie auch kurz vor dem Bankrott. Und Jakob kämpft dagegen an, wie alle anderen, die bei dieser Zeitung arbeiten.</p>

<p>Es ist diese Zeit, in der sich einerseits nach und nach finanzielle Stabilität für ihn einstellt, andererseits die Firma, bei der er angestellt ist, auf den Bankrott zusteuert, als ihn die Nachricht ereilt, dass daheim in Dänemark zwei seiner älteren Brüder, seine Tante und der Verlobte seiner Elisabeth gestorben waren. Jakob will nach Dänemark zurückkommen, um seine Brüder zu betrauern, aber er sieht natürlich auch die Gelegenheit, Elisabeth endgültig für sich zu gewinnen und macht ihr einen Antrag, schriftlich, per Post.</p>

<p>Und um zu zeigen, dass man ihm vertrauen kann und dass man auf ihm eine Existenz aufbauen kann, beschließt er, mit seinen Ersparnissen die kurz vor dem Bankrott stehende Zeitung zu kaufen und in die schwarzen Zahlen zu führen. Das schafft er zwar nicht, aber seine Zeitung ist so unbequem, dass ihm Lokalpolitiker anbieten, die Zeitung von ihm zurückzukaufen, und zwar für knapp den fünffachen Betrag, den er dafür investiert hatte. Und so war Jakob durch glückliche Fügung praktisch über Nacht zu kleinem Reichtum gekommen, der es ihm erlaubte, sorgenfrei nach Dänemark zu fahren und dort seiner Elisabeth ganz regulär den Hof zu machen. Die beiden heiraten und als das Geld dem Ende zuneigte, zogen sie wieder zurück nach New York, wo Jakob sich auf die Suche nach einer Anstellung bei einer lokalen Zeitung machte.</p>

<p>Es ist der New York Tribune, der ihn schließlich als Polizeireporter einstellt. Sein Büro ist gegenüber der Polizeistation, die für den damals größten Slum der Welt, die Slums von New York City, zuständig war. Jakob begleitet die Polizisten auf ihren Einsätzen und er sieht alles, was man nur an menschlichem Elend, an Gewalt und an Verbrechen zu Gesicht bekommen kann.</p>

<p>Und er schreibt dagegen an. Er selbst war ja oft genug als obdachloser unterwegs und hat deswegen einen persönlicheren Zugang zu vielen der Themen als so mancher seiner Leserinnen und Leser. Und eigentlich macht er sich auch keine Illusionen. Die Menschen, denen es damals gut geht, die interessiert nicht, wie es den ärmeren geht. Sie wissen nichts darüber, sie erfahren kaum etwas darüber und Artikel, die Jakob schreibt, egal, wie blumig die Sprache, egal, wie leidenschaftlich die Worte, dringen nicht durch diesen Panzer.</p>

<p>Anfangs wird er in seinem Schreibstil einfach nur noch melodramatischer und eindringlicher. Als er damit anscheinend nichts bewirken kann, denkt er über Zeichnungen und Skizzen nach, allerdings ist er kein besonders guter Zeichner, deswegen gibt er die Idee besonders schnell wieder auf.</p>

<p>Die fotografische Technik der damaligen Zeit, wir reden von den 1880ern, ist nicht geeignet, um bei schlechten Lichtverhältnissen Straßenszenen festzuhalten. Jakob ist oft nachts oder in der Dämmerung unterwegs und würde sehr gerne fotografieren, aber die Bilder sind meistens vollkommen unbrauchbar. All das ändert sich, als er 1887 von einer Erfindung der Deutschen Adolf Miethe and Johannes Gaedicke liest. Die hatten nämlich sogenanntes Blitzlichtpulver entwickelt. Das war eine Magnesiumpulvermischung, die in Patronen gefüllt wurde und mit einer Vorrichtung, die wie eine Pistole aussah, abgefeuert wurden und einen hellen Lichtblitz produzierten. Damit konnte man endlich auch nachts oder bei Dämmerung fotografieren.</p>

<p>Und er bringt mehrere dazu, mit ihm zusammen mit Blitzlichtpulverpatronen und Kamera bewaffnet in die Slums von New York einzudringen und Fotos zu machen. Und das Vorgehen war nicht ganz ungefährlich: Im Allgemeinen lief er durch die Stadt und wann immer er etwas fotografieren wollte, näherte er sich vorsichtig der Szene, löste den Blitz aus und lief dann so schnell er konnte mit seinem ganzen Equipment davon.</p>

<p>Wegen dem Risiko und den nächtlichen Arbeitsstunden blieben seine Freunde nicht lange bei der Stange und so war Jakob gezwungen, selbst zu lernen, mit den fotografischen Gerätschaften umzugehen, besonders, weil sehr, sehr deutlich wurde, dass seine Fotos eine Wirkung entfalteten, die seine Artikel nie gehabt hatten. Die Menschen sahen Bilder von Armut, die ihnen so bisher nie gezeigt worden waren. Mitglieder des Mittelstands oder der gehobenen Klassen gingen nicht in die Slums, sahen sich nicht an, wie Arbeiter lebten. Sie sahen weder den Dreck, noch das Elend, noch die Gewalt und die Brutalität, die in diesen Vierteln ihren Wohlstand mit sicherte.</p>

<p>Und Jakob bleibt nicht nur bei seinen Artikeln. Er verkauft Abzüge seiner Fotografien, er macht Lichtbildschauen, wo er mit einem Projektor auf einer Leinwand unter freiem Himmel Bilder projiziert. Er hält Vorträge, er schreibt Bücher. Es gibt mehrere Dinge, die er ganz konkret geändert sehen möchte. Er will, dass einzelne dieser Slumgebiete abgebaut und umgeformt werden. Er schlägt vor, Unterkünfte für die Armen zu bauen und die Slums zu Parks umzuwandeln. Und ganz besonders sind ihm die von der Polizei betriebenen Unterkünfte ein Dorn im Auge. Die Zustände dort sind fast noch elender als irgendwo in den Slums und eigentlich dienen die nur der Unterdrückung der Armen.</p>

<p>Es ist diese Zeit, als er den gerade frisch ernannten Polizeipräsidenten kennenlernt, ein Mann namens <a "/tags/theodore-roosevelt.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="16" title="Theodore Roosevelt">Theodore Roosevelt</a>. Der hatte nämlich das Buch entdeckt, das als ein Meilenstein der sozialen <a "/tags/reportagefotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="33" title="Reportagefotografie">Reportage</a> und sozialen Fotografie gilt und vielleicht eines der wenigen Beispiele ist, wo Fotografie tatsächlich zu echten Änderungen beigetragen hat. Das Buch trägt den Titel &#8222;How the Other Half Lives&#8220;. Es ist eine Mischung aus Artikeln von Jakob Riis und Fotografien und Zeichnungen, die auf Fotografien basieren.</p>

<p>Jakob macht sich bei seinen Fotografien nicht viele Gedanken um Komposition, oft sieht er ja gar nicht, was er fotografiert. Eines seiner berühmtesten Bilder wird in einem dieser Zwei-Cent-Lokalen aufgenommen. Dort hat er zwei Cent bezahlt, die ihn zum Schlafen und Suppe essen in einem überfüllten, stickigen Raum berechtigten. Er hat sich dort hingesetzt und als dann alle eingeschlafen waren, richtet er im Dunkeln auf dem Tisch die Kamera aus, öffnet das Objektiv und feuert die Blitzlichtpistole. Man sieht, wie beengt dieser Raum ist. Das Licht wird von der Decke reflektiert, es sieht fast so aus, als würde die Cholera in diesem Raum wabern. Und man sieht die Männer, die außenrum zum Teil verschreckt, zum Teil eben gar nichts mitbekommend auf den Tischen schlafen. Solche und andere Bilder, die ohne erkennbare künstlerische Komposition daherkommen, sind manchmal gerade deswegen besonders eindrücklich.</p>

<p>Roosevelt wurde jedenfalls durch dieses Buch auf ihn aufmerksam, tritt mit ihm in Kontakt und die beiden Männer formen eine Freundschaft, die ihr gesamtes Leben halten wird. Später wird Jakob für Roosevelt eine Kampagnenbiografie schreiben und Roosevelt wird sagen, dass er manche Dinge nie gemacht hätte, hätte er nicht die Bilder von Jakob Riis gesehen. Eine der Maßnahmen, die er noch als Polizeipräsident ergreift, ist, die Polizeischlafunterkünfte schließen zu lassen. Der Bundesstaat New York folgt dem Beispiel der Stadt New York und diesem Beispiel folgt wiederum der Rest des Landes. Und auch sonst nutzt Roosevelt seinen Einfluss, um der Sache, für die Jakob Riis kämpft, zu helfen, und sorgt dafür, dass die wichtigste Forderung von Jakob Riis tatsächlich Wirklichkeit wird. Die elendsten der Elendsviertel werden umgebaut. Die Menschen dort bekommen die Möglichkeit, in günstigere Wohnräume umzuziehen und der Slum wird dem Boden gleich gemacht und durch einen Park ersetzt.</p>

<p>Jakob schreibt mehrere Bücher, einige davon beschäftigen sich ausschließlich mit den sozial benachteiligten Menschen seiner Zeit. &#8222;How the Other Half Lives&#8220; ist das berühmte, aber es gibt auch noch &#8222;Children of the Poor&#8220;, das ist eine Art Fortsetzung mit besonderem Blick auf die Kinder und Familien. Jakob zeugt mit Elisabeth vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, und seine Familie bleibt eine Aktivistenfamilie. Sein jüngster Sohn steigt in seine Fußstapfen, wird auch ein Reporter und Aktivist, ein anderer geht zurück nach Dänemark und wird dort Director of Public Information in Kopenhagen und kämpft während des Ersten Weltkrieges gegen den steigenden Antisemitismus in der Region.</p>

<p>1905 wird seine Frau Elisabeth nach fast 30 Jahren Ehe plötzlich krank und stirbt überraschend. Für Jakob markiert das das Ende seiner Zeit in New York. Er heiratet erneut 1907 und zieht mit seiner neuen Frau nach Massachusetts auf eine Farm in Barre. Dort wird er dann bis zu seinem Tod 1914 bleiben.</p>

<p>Es wird fast 50 Jahre dauern, bis man ihn als den einflussreichen Fotografen anerkennt, der er war. In Rückschau stellt man fest, seine Fotos haben eine Handschrift, auch wenn er selbst sich nie Gedanken um Bildkompositionen gemacht hat, hatte er doch ein Auge für die Fotografie und die Bilder sind eindrücklich, bleiben im Gedächtnis. Und waren prägend fürs Medium: Viele, die nach ihm kamen, eiferten ihm nach. Das zu der Zeit noch junge Medium der <a "/tags/straßenfotografie.html" data-internallinksmanager029f6b8e52c="34" title="Street">Straßenfotografie</a> nimmt dann einige der ästhetischen Entscheidungen von Jakob auf und deswegen sehen die Bilder auch heute noch einigermaßen modern aus.&nbsp;</p>

<p>Und in später über ihn veröffentlichen Papern wird darüber spekuliert, dass einige der durch seine Fotos inspirierten Sozialreformen in der Region wahrscheinlich tausenden von Menschen das Leben gerettet und für das Einrichten von sanitären Anlagen und besserer Wasserqualität gesorgt haben. Alles Indizien dafür, dass Fotografien eben doch manchmal verändern können, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen.</p>

<p>Jakob Riis schwankte während seines Lebens mehrmals zwischen Obdachlosigkeit und Reichtum hin und her, verlor aber nie seinen moralischen Kompass. In mancherlei Hinsicht ist seine Lebensgeschichte fast schon typisch für die Immigranten der damaligen Zeit, aber gleichzeitig auch etwas sehr Besonderes, weil er eben mehrmals ganz am Boden ankam und dann trotzdem wieder die Energie fand, sich nach oben durchzukämpfen. Und er war ein Mann, dem es nicht darauf ankam, seine Verdienste aufgezählt zu bekommen.&nbsp;</p>

<p>Heute weiß man, dass seine Bilder unter anderem dafür gesorgt haben, dass die Wasserversorgung von New York deutlich hygienischer wurde und damit wahrscheinlich aller Einwohner Leben besserten. Es waren seine Artikel, die Politiker vor sich hertrieben, es waren seine Fotos, die für die notwendige Aufmerksamkeit sorgten und er sorgte für ein Bewusstsein für die weniger privilegierten Menschen der Gesellschaft der damaligen USA, das es vorher so nicht gegeben hatte.</p>]]></content:encoded>
            <pubDate>Sat, 21 Aug 2021 12:45:34 GMT</pubDate>
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